Alien
Wie kann es sein, dass ich mich in dieser Welt immer falsch fühle. Fehl am Platz. Nie wirklich richtig. Was auch immer "richtig" heißen mag.
Momentan kommt es wieder so heftig durch wie früher, als ich noch ohne Diagnosen, ohne das Bewusstsein, dass ich welche haben könnte und dringend therapiebedürftig bin, gelebt (und mich über mein ständiges Falsch-Fühlen gewundert) habe.
Nach 15 Jahren Venlafaxin haben sich meine Blutwerte so verschlechtert, dass mir geraten wurde es auszuschleichen. Ich hatte es vorher schon oft versucht, leider immer erfolglos. Ärzte, die das unterstützen, sind schwer zu finden, vertragen hab ich es, funktioniert habe ich damit in der Gesellschaft auch so halbwegs, also warum was daran ändern.
Seit Dezember 2025 arbeite ich nun daran, von den 75 mg pro Tag wegzukommen. Mittlerweile bin ich bei abwechselnd 37,5 und 25 mg. Und jetzt bin ich an dem Punkt angekommen, an dem es so schwierig wird, dass ich nicht mehr ignorieren und einfach darüber hinweggehen will. Die Tatsache, dass sich der Gedanke an das "Nicht-mehr-sein" so unfassbar attraktiv anfühlt.
Wie einfach könnte es sein? Raus aus diesem Leben – weg von den Gefühlen. Diesen anstrengenden Gefühlen. Diese Gefühle, die ich auch durch das ADHS stärker empfinde als andere sich das vielleicht vorstellen können. Wie auch?
Ich habe viel gelernt in den letzten Jahren, seit der Diagnose. Die Burnouts, die Depressionen waren nur die Folgen. Die Folgen, dass ich lange gegen mein eigenes Strickmuster im Hirn leben musste und in meiner Unwissenheit gelebt habe.
Seit dieser Erkenntnis habe ich viel gelernt und auch viel geändert. Ich habe seit Jahren einen Job, der mir guttut, in dem ich nach meinen Werten handeln darf und nicht fremdbestimmt dagegen handeln muss. In dem meine Empfindsamkeit ein fetter Pluspunkt ist und keine Macke, die nur stört. Ich nehme mir jeden Tag alle Pausen und Auszeiten, die ich brauche. Keine Vorwürfe mehr von diversen Männern, dass der Haushalt so unordentlich ist, dass ich immer müde bin, ständig schlafen will und auch sonst viel zu empfindlich, zu fett, zu hysterisch, zu sonstwas, auf keinen Fall aber genau richtig oder wenigstens o.k..
Bis zu einem gewissen Grad mag ich mein Einsiedlertum auch. Es tut mir gut. Diese Ruhe vor dieser lauten Welt da draußen, vor der ständigen Reizüberflutung, vor dem ständigen über meine Grenzen gehen müssen, dem Ignorieren meiner eigenen Grenzen, der antrainierten Abstumpfung.
Und trotzdem bin ich wieder an diesem Punkt, an dem ich das Gefühl habe, dass ich immer noch nicht dort bin, wo ich hingehöre. Das Leben lebe, das mir guttut statt schadet. Und gleichzeitig ist da diese Ohnmacht. Dieser Gedanke, was ich alles ändern würde, wenn ich bloß das Geld dazu hätte. Wenn bloß. Aber kann es denn wirklich nur vom Geld abhängen? Ich habe keine großen materiellen Bedürfnisse. Ein Dach über dem Kopf in einer lebenswerten Umgebung, eine schöne Arbeit, die ich in dem Stundenumfang, den ich leisten kann, ohne krank zu werden, Kontakt zu meinen Herzensmenschen und meine Hunde, am liebsten auch wieder eine Katze. Mehr brauche ich nicht.
Wenn ich jetzt mit einem Fingerschnipp etwas ändern könnte, dann hätte ich ein kleines Haus in Alleinlage mit Land und Wald drumherum. Umgeben von meinen Tierchen. Das Rauschen der Nordsee als Hintergrundmusik und einen Ausguck mit Blick auf’s Meer. Einen Platz zum Durchatmen. Mit Wind, der mein Hirn freipustet und wilden Wellen, die mein Hirn beruhigen. Wäre das nicht schön?
Ja, wäre es. Statt dessen lebe ich mit diesem Hirn, das die meiste Zeit verzweifelt, weder mit diesem Leben noch mit dieser Gesellschaft klar kommt und den Gedanken an den Tod sehr attraktiv findet. Ich schwanke täglich zwischen "Es reicht jetzt, ich kann nicht mehr" und "Ich hab noch so viel zu tun und bleibe noch eine Weile". Zwischendrin diese Phasen voller Wut. Wut auf die Dummheit der Menschen, die Oberflächlichkeit, die Volldeppen, die keinen Meter laufen können, ohne auf ihr Smartphone zu glotzen, die Verschwendung, die Zerstörung.
Das ist so zermürbend und kräftezehrend.
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