Die nackte Wahrheit
Prachtexemplar Nr. 2 und ich sind heute alleine. Herzensmann muss arbeiten, Teenie-Ding beglückt die Oma mit seiner Anwesenheit.
Das Kind hat die Angewohnheit, jede seiner Wahrnehmungen zu vertonen. Sehr anstrengend das. Noch schlimmer ist, dass ich - noch bevor ich meine zum Hochfahren erforderliche Kaffeeration intus habe - gezwungen werde zu antworten.
Hier eine Aufzählung seiner Äußerungen während meiner Kaffee-Zuführung (zwei Pötte):
Mama, der Piet hat den Komposteimer umgeschmissen.
Mama, guck mal mein Byonicle. Wie findest du die Waffe? Ich hab den verstärkt. Wie findest du die Beine?
Mama, was passiert, wenn man ein Atom spaltet?
Mama, der Pauli schnarcht. (Pauli ist nicht Herzensmann!)
Mama, darf ich meinen Kakao selbst machen? (gemeint ist die Dosis des Kakaopulvers. Hier folgen zähe Verhandlungen.)
Mama, die Lilli ist ein Katzenmodel.
Mama, darf ich in meinem Zimmer machen, was ich will? Mama, ich hab in meinem Zimmer gerülpst.
Mama, wie lange bleiben wir im Zoo?
Mama, darf ich gleich auch was im Internet gucken?
Mama, ich schreibe aus der Sicht vom Esel. (die Nacherzählung)
Mama, Mathe macht irgendwie Spaß, weil das so einfach ist.
Mama, guck mal, ich hab die erste Aufgabe schon fertig.
Mama, magst du Lokomotiven mit Anhängern im Mathebuch? Ich find die total doof. Guck mal.
Mama, mein (selbstgestalteter) Ordner ist so schön. Der sieht aus wie gekauft. Ich bestaune den jetzt, weil der so schön ist.
…
…
Wenn ich zuerst dieses Kind bekommen hätte, dann wäre bestimmt kein zweites dazu gekommen. So süß der kleine Kerl ist, so sehr zerrt er zeitweise an meinen Nerven und gleichzeitig bringt er mich auch ständig zum Lachen, weil er oft unfreiwillig komisch ist. Leider verläuft mein Alterungsprozess, seit Prachtexemplar Nr. 2 auf der Welt ist, ungefähr doppelt so schnell. An manchen Tagen bin ich in der Lage, ihn wie ein Radio im Hintergrund laufen zu lassen. Nicht annähernd so oft das meinem Nervenkostüm zugute kommen würde.
Zum Abschluss zwei Dialoge, die sehr anschaulich beschreiben, womit ich es seit fast zehn Jahren zu tun habe.
Dialog 1 (beim Spazieren gehen):
Kind: Mama, weißt du, warum ich so viel rede?
Mama: Nein, mein Kind. Das weiß ich nicht.
Kind: Ich weiß das auch nicht.
Dialog 2 (beim Schach spielen):
Mama: Du machst mich fertig.
Kind: Was glaubst du, wofür ich geboren bin?
Dem ist nichts hinzuzufügen.
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Wurmloch im Sofa
Gestern habe ich einen meiner wunderschönen Sternchenohrringe verloren. Die ganze Wohnung habe ich schon danach abgesucht. Ohne Erfolg. Als ich nachmittags auf dem Sofa lag, waren noch beide da. Das weiß ich sicher, weil ich erst eine bequeme Position finden musste, in der sie nicht gedrückt haben.
Kurz davor sind meine kleinen Stecker mit den grünen Steinen abhanden gekommen. Einer ist mittlerweile wieder da. Er lag im Geschirrschrank in der von meinem Teenie-Ding getöpferten Schale, die immer noch nicht gebrannt wurde. Wie der dahin gekommen ist, ist mir ein Rätsel.
Das ist wie verhext. Jahrelang habe ich keine Ohrringe getragen. Ich dachte schon, dass meine Ohrlöcher zugewachsen sind, habe aber so lange ausgerüstet mit Desinfizierspray und zusammengebissenen Zähnen daran rumgepokelt, bis sie wieder offen waren. Voller Freude habe ich meine Ohren mit Klimperkram behängt. Leider war diese Freude bisher immer nur von kurzer Dauer.
Was ich am ärgerlichsten daran finde, ist die Tatsache, dass immer nur ein Ohrring oder Stecker verloren geht. Das macht den Verlust erheblich größer. Habe ich doch noch den einzelnen verwaisten Rest zu Hause herumliegen, der mich ständig daran erinnert. Wegwerfen geht nicht. Es könnte ja sein, dass das Universum das fehlende Stück in zehn oder zwanzig Jahren wieder zurückschickt.
So geht das mit vielen Dingen. Handschuhe: nur einer geht verloren, Socken: nur einer geht verloren, Pantoffeln: Wo ist der zweite? Die klassischen Plätze, an denen ich das letzte Mal Kontakt zu den verschwundenen Hälften hatte sind das Bett, das Sofa, die Waschmaschine.
Ist hier eine höhere Macht am Werk? Ich verstehe es nicht und sammel unterdessen die nutzlosen Hälften von getrennten Paaren jeglicher Art.
Vielleicht sollte ich eine Tauschbörse ins Leben rufen. Vielleicht hat die höhere Macht meinen Stecker und meinen Sternchenohrring an einen anderen Ort gezaubert, an dem sich gerade jemand darüber wundert, wo die herkommen.
Vielleicht tut sich auf meinem Sofa oder in meiner Waschmaschine von Zeit zu Zeit ein Wurmloch auf. Ein ganz kleines, durch das nur ein einzelner Ohrring oder Socken passt. Nun dümpeln ganz viele Einzelteile aus meinem Besitz in einer anderen Zeit oder Galaxie herum und geben eventuell dort ansässigen Lebensformen unlösbare Rätsel auf.
Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf. Hiermit starte ich einen ganz offiziellen Aufruf: Falls in dieser Zeit und Galaxie jemand meinen goldfarbenen Ohrring mit dem Sternchen und / oder silbernen Stecker mit dem grünen Stein in seiner Besteckschublade oder an einem anderen exotischen Platz gefunden hat, bitte melden. Ich habe im Gegenzug bestimmt einen fremden Pantoffel oder Strumpf übrig, der an anderer Stelle dringend gesucht wird.
Nachtrag:
Ich wurde erhört! Das Universum hat den fehlenden Sternchenohrring zurückgeschickt. Er lag im Bad auf dem Teppich. Keine Ahnung, wie er dahin kam. Egal. Ich werde zum Dank einen Pantoffel opfern.
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Car Wash
Heute hat mir meine liebe Freundin C. voller Begeisterung das Innenleben ihres Autos nach der großzügigen Behandlung mit Kunststoffreiniger präsentiert. Ich war beeindruckt. Sowas will ich auch haben. Auch sonst hat sie keine Mühe gescheut, ihr Auto zu säubern. Ich hätte es unbeschadet ablecken können. Innen und außen. Ihr Auto muss zum TÜV und genau wie ich rechnet sie mit besseren Chancen durch Sauberkeit. Dem zweijährigen Rhythmus der TÜV-Termine entspricht auch ungefähr die Häufigkeit der Reinigungsaktionen, in deren Genuss mein Auto kommt.
Als Teenie-Ding noch im Kindergartenalter war, hat er manchmal mit dem Papa von Prachtexemplar Nr. 2 Ausflüge gemacht. Männerausflüge. Auf dem Programm stand oft, sehr oft das Waschen des Autos. Seins, nicht meins. Nachdem die beiden das erste Mal Stunden (!) später wieder kamen, war Teenie-Ding äußerst beeindruckt: Mama, der P. wäscht sein Auto auch von innen! Das hatte er noch nie erlebt. Selten sind wir in die Waschanlage gefahren. Meistens war unser Auto das einzig wirklich dreckige in der Schlange davor.
Ich gebe zu, daran hat sich bis heute nichts geändert. Was die Sauberkeit meines Auto betrifft, bin ich lern- und dreckresistent. Und nicht nur das: durch die häufigen Aufenthalte in der Bakterien- und Schimmelpilzhölle wird unser Immunsystem stimuliert. Allergien begegnen wir durch wiederholte Kurz-Kuren in meinem mobilen Desensibilisierungslabor. Wir erfreuen uns alle einer äußerst robusten, körperlichen Gesundheit.
Der Immermalwiederunddanndochnicht-Mann hat mich mal gefragt, ob mir noch keiner meiner Nachbarn Putzmittel auf's Auto gestellt oder vielleicht sogar das Gesundheitsamt mit der Stilllegung wegen Seuchengefahr beauftragt hat. Einmal musste er in einem Notfall mein Auto selbst fahren und war ganz beeindruckt von den guten Fahreigenschaften. Was hat Dreck mit Qualität zu tun? Keine Ahnung. Ist vielleicht ein Männerding.
Peinlich ist mir das höchstens, wenn ich eine Panne hab. Dann sehe ich plötzlich mein Auto mit den Augen der freundlichen Helfer. Und wenn die dann auch noch selbst ganz appetitlich aussehen, schäme ich mich noch ein bisschen mehr. Ziemlich bekloppt, aber ist nunmal so. Obwohl die ganz bestimmt viel dreckigere Autos zu sehen bekommen. Hoffe ich.
Als ich mit Prachtexemplar Nr. 2 hochschwanger war, hatte ich das dringende Bedürfnis Bananensaft zu trinken. Igitt, aber egal. Jedenfalls hat die nicht ganz leere und nicht richtig geschlossene Flasche, wie das so bei mir ist, wochenlang auf dem Beifahrersitz gelegen. Und ist ausgelaufen. Im Sommer. Das hab ich nicht gemerkt, weil noch ganz viel anderer Müll auf dem Sitz und somit der Flasche vor sich hingestunken hat. Irgendwann ist wahrscheinlich mal jemand vorne mitgefahren – ansonsten hätte ich den Sitz nicht geräumt – und es kam ein auffälliger, verdächtig aussehender Fleck zum Vorschein. Falls der zu dem Zeitpunkt noch feucht war, hatte ich bestimmt noch irgendwo eine olle Plastiktüte im Fußraum liegen, auf die sich mein angewiderter Beifahrer setzen durfte. Niemand wollte mir danach glauben, dass dieser weißliche Fleck nur Bananensaft war. Die meisten haben auf Fruchtwasser oder andere Körperflüssigkeiten getippt. ES WAR BANANENSAFT!!!
Neben verdächtigen Flecken findet man in meinem Auto so ziemlich alles, was man zum Überleben braucht: Jacken in verschiedenen Größen, Schuhe – manchmal zur einzelne, Schals, Handschuhe, Haargummis, mehr oder weniger leere Flaschen, Müll im Übermaß, ganz aktuell: einen angefressenen Berliner und ich glaube unterm Fahrersitz liegt ein verfaulter Apfel. Den hab ich vor ein paar Tagen wahrgenommen, aber noch nicht entsorgt. Sollte ich wohl doch mal machen.
Das nehme ich mir jetzt als meine Tagesaufgabe für morgen vor. Ich werde mein Auto auch mal innen sauber machen. Ich nehme mir Papier und Stift mit, dokumentiere jedes einzelne Teil, das ich wegwerfe und präsentiere das Ergebnis im Nachtrag. Ich werde nicht nur innen, sondern auch außen putzen. Mit Putzmittel und Wasser. Und staubsaugen! Genau so mach ich das. Jawoll. Wär doch gelacht, wenn ich das nicht auch mal schaffen würde. Ich kann das. Ganz sicher bin ich mir da. Gaaanz sicher …..
Nachtrag:
Von außen ist es schon sauber. Ich habe meinem Mobil eine Komplettwäsche mit Schaumwachs und Unterbodengedöns spendiert. Nur die Sonnencreme-Patschen vom letzten Sommer an der Tür von Prachtexemplar Nr. 2 sind immer noch da. Unglaublich, wie hartnäckig das Zeug ist. Weiß jemand, wie man das wegbekommt, ohne den Lack zu zerstören?
Nachtrag vom Nachtrag:
So. Jetzt ist es auch innen sauber. Der Apfel war schon Kompott. Von den restlichen ekligen Details möchte ich meine Lesemenschen verschonen. Ich habe zwar versprochen, alles genauestens zu dokumentieren, aber das lasse ich besser sein. Ich musste zwei oder drei Mal Geld für den Staubsauger nachwerfen. Der Mülleimer neben dem Staubsauger war irgendwann voll, so dass Teenie-Ding den benachbarten befüllen musste. Und eine große Einkaufstasche voller Kulis, zerkratzter CDs, Legoteile, Briefe, Rechnungen, Haargummis, Pfandflaschen, etc. habe ich mit in die Wohnung genommen. Hier steht sie jetzt wahrscheinlich die nächsten zwei bis drei Monate und wartet darauf, geleert zu werden. Ich gelobe Besserung.
Nachtrag - fast zwei Monate später:
Die Tasche steht wirklich immer noch in meinem Flur. Ich habe keine Ahnung, was da alles drin ist. Kann aber nicht wichtig sein, weil ich darin kein einziges Mal nach vermissten Dingen gesucht habe. Vielleicht sollte ich den Inhalt, ohne zu sortieren / überprüfen, in eine Mülltüte umfüllen und wegwerfen. Das wär mal eine echte Mutprobe.
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